Ein Artikel für den doppel:punkt Nr 4, vorauss. Mai 05, mit dem Schwerpunkt-Thema “Führen mit Werten”
Der Abt, der würdig ist, einem Kloster vorzustehen,
muss immer bedenken, wie man ihn anredet,
und er verwirkliche durch sein Tun,
was diese Anrede für einen Oberen bedeutet.
Der Glaube sagt ja:
Er vertritt im Kloster die Stelle Christi;
wird er doch mit dessen Namen angeredet
nach dem Wort des Apostels:
“Ihr habt den Geist empfangen,
der euch zu Söhnen macht,
den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater!”
Deshalb darf der Abt nur lehren
oder bestimmen und befehlen,
was der Weisung des Herrn entspricht.
Sein Befehl und seine Lehre sollen
wie Sauerteig göttlicher Heilsgerechtigkeit
die Herzen seiner Jünger durchdringen.
Der Abt denke immer daran,
dass in gleicher Weise über seine Lehre
und über den Gehorsam seiner Jünger
beim erschreckenden Gericht Gottes entschieden wird.
So wisse der Abt: Die Schuld trifft den Hirten,
wenn der Hausvater an seinen Schafen
zu wenig Ertrag feststellen kann.
Andererseits gilt ebenso:
Hat ein Hirt
einer unruhigen und ungehorsamen Herde
all seine Aufmerksamkeit geschenkt
und ihrem verdorbenen Treiben
jede nur mögliche Sorge zugewandt,
wird er im Gericht des Herrn freigesprochen.
Er darf mit dem Propheten zu Herrn sagen:
“Deine Gerechtigkeit
habe ich nicht in meinem Herzen verborgen,
ich habe von deiner Treue und Hilfe gesprochen,
sie aber haben mich verhöhnt und verachtet.”
Dann kommt über die Schafe,
die sich seiner Hirtensorge im Ungehorsam
widersetzt haben,
als Strafe der allgewaltigte Tod.
Wer also den Namen “Abt” annimmt,
muss seinen Jüngeren
in zweifacher Weise als Lehrer vorstehen:
Er mache alles Gute und Heilige
mehr durch sein Leben
als durch sein Reden sichtbar.
Einsichtigen Jüngern wird er die Gebote des Herrn
mit Worten darlegen,
hartherzigen aber und einfältigeren
wird er die Weisungen Gottes
durch sein Beispiel veranschaulichen.
In seinem Handeln zeige er,
was er seine Jünger lehrt,
dass man nicht tun darf,
was mit dem Gebot Gottes unvereinbar ist.
Sonst würde er anderen predigen
und dabei selbst verworfen werden.
Gott könnte ihm eines Tages sein Versagen vorwerfen:
“Was zählst du meine Gebote auf
und nimmst meinen Bund in deinen Mund?
Dabei ist Zucht dir verhasst,
meine Worte wirfst du hinter dich”
Auch gilt:
“Du sahst im Auge deines Bruders den Splitter,
in deinem hast du den Balken nicht bemerkt.”
Der Abt bevorzuge im Kloster keinen
wegen seines Ansehens.
Den einen liebe er nicht mehr als den anderen,
es sei denn, er finde einen,
der eifriger ist in guten Werken und im Gehorsam.
Er ziehe nicht den Freigeborenen einem vor,
der als Sklave ins Kloster eintritt,
wenn es dafür keinen vernünftigen Grund gibt.
Der Abt kann aber jede Rangänderung vornehmen,
wenn er es aus Gründen der Gerechtigkeit für gut hält.
Sonst sollen die Brüder den Platz einnehmen,
der ihnen zukommt.
Denn ob Sklave oder Freier,
in Christus sind wir alle eins,
und unter dem einen Herrn
tragen wir die Last des gleichen Dienstes.
Denn bei Gott gibt es kein Ansehen der Person.
Nur dann unterscheiden wir uns in seinen Augen,
wenn wir in guten Werken und in der Demut
eifriger sind als andere.
Der Abt soll also alle in gleicher Weise lieben,
ein und dieselbe Ordnung
lasse er für alle gelten -
wie es jeder verdient.
Wenn der Abt lehrt, halte er sich immer
an das Beispiel des Apostels, der sagt:
“Tadle, ermutige, weise streng zurecht.”
Das bedeutet für ihn:
Er lasse sich vom Gespür für den rechten Augenblick leiten
und verbinde Strenge mit gutem Zureden.
Er zeige den entschlossenen Ernst des Meisters
und die liebevolle Güte des Vaters.
Härter tadeln muss er solche,
die keine Zucht kennen und keine Ruhe geben;
zum Fortschritt im Guten ermutige er alle,
die gehorsam, willig und geduldig sind;
streng zurechtweisen und bestrafen soll er jene,
die nachlässig und widerspenstig sind.
Auf keinen Fall darf er darüber hinwegsehen,
wenn sich jemand verfehlt;
vielmehr schneide er die Sünden
schon beim Entstehen mit der Wurzel aus,
so gut er kann.
Er soll daran denken, dass ihm sonst
das Schicksal des Priesters Heli von Schilo droht.
Rechtschaffene und Einsichtige weise er
einmal und ein zweites Mal
mit mahnenden Worten zurecht.
Boshafte aber, Hartherzige, Stolze und Ungehorsame
soll er beim ersten Anzeichen eines Vergehens
durch Schläge und körperliche Züchtigung im Zaum halten.
Er kennt doch das Wort der Schrift:
“Ein Tor lässt sich durch Worte nicht bessern.”
Und auch dieses: “Schlage deinen Sohn mit der Rute,
so rettest du sein Leben vor dem Tod”.
Der Abt muss bedenken, was er ist,
und bedenken, wie man ihn anredet.
Er wisse: Wem mehr anvertraut ist,
von dem wird mehr verlangt.
Er muss wissen,
welch schwierige und mühevolle Aufgabe
er auf sich nimmt:
Mensch zu führen
und der Eigenart vieler zu dienen.
Muss er doch dem einen mit gewinnenden,
dem anderen mit tadelnden,
dem dritten mit überzeugenden Worten begegnen.
Nach der Eigenart und Fassungskraft jedes einzelnen
soll er sich auf alle einstellen und auf sie eingehen.
So wird er an der ihm anvertrauten Herde
keinen Schaden erleiden,
vielmehr kann er sich am Wachsen einer guten Herde freuen.
Vor allem darf er
über das Heil der ihm Anvertrauten
nicht hinwegsehen oder es gering schätzen
und sich größere Sorge machen
um vergängliche, irdische und hinfällige Dinge.
Stets denke er daran:
Er hat die Aufgabe übernommen,
Menschen zu führen,
für die er einmal Rechenschaft ablegen muss.
Wegen des vielleicht allzu geringen Klostervermögens
soll er sich nicht beunruhigen;
vielmehr bedenke er das Wort der Schrift:
“Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit,
und dies alles wird euch dazugeben.”
Ein anderes Schriftwort sagt:
“Wer ihn fürchtet, leidet keinen Mangel.”
Der Abt muss wissen:
Wer es auf sich nimmt, Menschen zu führen,
muss sich bereithalten, Rechenschaft abzulegen.
Er sei sich darüber ganz im klaren:
Wie groß auch die Zahl der Brüder sein mag,
für die er die Verantwortung trägt,
am Tag des Gerichtes muss er für sie alle
dem Herrn Rechenschaft ablegen,
dazu ohne Zweifel auch für sich selbst.
Immer in Furcht
vor der bevorstehenden Untersuchung des Hirten
über die ihm anvertrauten Schafe,
sorgt er für seine eigene Rechenschaft,
wenn er sich um die der anderen kümmert.
Wenn er mit seinen Ermahnungen anderen zur
Besserung verhilft,
wird er selbst von seinen Fehlern geläutert.
(34ff)
Der eingesetzte Abt bedenke aber stets,
welche Bürde er auf sich genommen hat
und wem er Rechenschaft über seine Verwaltung ablegen muss.
Er wisse, dass er mehr helfen als herrschen soll.
Er muss daher das göttliche Gesetz genau kennen,
damit er Bescheid weiß und (einen Schatz) hat,
aus dem er Neues und Altes hervorholen kann.
Er sei selbstlos, nüchtern, barmherzig.
Immer gehe ihm Barmherzigkeit
über strenges Gericht,
damit er selbst Gleiches erfahre.
Er hasse die Fehler, er liebe die Brüder.
Muss er aber zurechtweisen,
handle er klug und gehe nicht zu weit;
sonst könnte das Gefäß zerbrechen,
wenn er den Rost allzu heftig auskratzen will.
Stets rechne er mit seiner eigenen Gebrechlichkeit.
Er denke daran,
dass man das geknickte Rohr nicht zerbrechen darf.
Damit wollen wir nicht sagen,
er dürfe Fehler wuchern lassen,
vielmehr schneide er sie klug und liebevoll weg,
wie es seiner Ansicht nach jedem weiterhilft;
wir sprachen schon davon.
Er suche, mehr geliebt als gefürchtet zu werden.
Er sei nicht stürmisch und nicht ängstlich,
nicht maßlos und nicht engstirnig,
nicht eifersüchtig und allzu argwöhnisch,
sonst kommt er nie zur Ruhe.
In seinen Befehlen sei er vorausschauend und besonnen.
Bei geistlichen wie bei weltlichen Aufträgen
unterscheide er genau und halte Maß.
Er denke an die maßvolle Unterscheidung
des heiligen Jakob, der sprach:
“Wenn ich meine Herden unterwegs überanstrenge,
werden alle an einem Tage zugrunde gehen.”
Diese und andere Zeugnisse,
maßvoller Unterscheidung,
der Mutter aller Tugenden, beherzige er.
So halte er in allem Maß,
damit die Starken finden, wonach sie verlangen,
und die Schwachen nicht davonlaufen.
Besonders wahre er in allem die vorliegende Regel.
Hat er seinen Dienst gut verrichtet,
dann darf er vom Herrn hören,
was für den guten Knecht gilt,
der seinen Mitknechten den Weizen
zur rechten Zeit gegeben hat:
“Amen, ich sage euch,
er wird ihn zum Verwalter seines ganzen Vermögens bestellen.”
(128f)
Salzburger Äbtekonferenz (Hrsg.), Die Regel des heiligen Benedikt, Beuron 1990, S.34ff
(Zusammen gestellt von Bernhard Possert, der meint, dass man von Benedikt einiges lernen, er zu diesen Zitaten aber nichts hinzu fügen kann.)
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