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Wer feiert soll auch denken! 7 Dummheiten in Sachen Ehrenamt

1. Dummheit: „Wir professionalisieren (weiterhin) alles!“
Vielerorts wird man heute noch immer belächelt und kritisch beäugt für ehrenamtliches Engagement: Helfersyndrom?? Aber auch professionelle Sozialpädagog_innen zittern um Qualität und letztlich ihre Jobs. Würde man den Trend der letzten 20 Jahre fortschreiben, bräuchten wir bald für jede soziale Dienstleistung eine Ausbildung und eine Verankerung in einem Gesetz mit entsprechender Finanzierung.
Vor dieser Dummheit werden uns die „leeren“ Kassen bewahren, und leider nicht in erster Linie die Einsicht, dass neben höchst notwendigen sozialstaatlichen Leistungen Menschen für sich selbst und ihr Umfeld Verantwortung haben und diese auch lernen und übernehmen müssen.

2. Dummheit:“Kommando zurück: Das machen alles Ehrenamtliche!“
Auch diese Stimmen hört man in letzter Zeit. Unter eifriger Zitierung von „Aktiver Bürgerschaft“, „Sozialkapital“, „Kommunitarismus“, „Bürgergesellschaft“ und „Selbstverantwortung“ erklärt man, dass der böse Kreisky die Menschen abhängig gemacht habe von Sozialleistungen und dass es ohne staatliche Verantwortung auch ginge, wenn die Menschen sich nur ein bisschen gegenseitig unterstützten …
Man mache sich den Spaß und frage die Personen, die dafür eintreten, nach persönlichen Erfahrungen: Welche Sozialleistungen sie meinen, welche Menschen in Not sie kennen, wie sie denen bereits ehrenamtlich helfen, ob die Leistungen, die sie selbst bezogen haben und beziehen (Familienbeihilfe etc.) da auch hinein fallen etc. Kurz gesagt: Unsere Gesellschaft ist zu komplex, die Anforderungen an Arbeitskräfte und Bürger_innen zu hoch und die gesellschaftlich akzeptierten Standards an würdevollem Leben Gott-sei-Dank entsprechend etabliert, dass wir auf ein gutes Maß an staatlicher Verantwortung nicht verzichten können.

3. Dummheit: „Bitte helfen und den Mund halten!“
Es mag „früher“ gereicht haben, dass man Ehrenamtlichen gesagt hat, was zu tun – und damit basta. Der Anteil der Ehrenamtlichen, die „mitreden“ wollen, steigt rasant: „Auf Augenhöhe“ kommunizieren, gehört und ernst genommen werden, Respekt und Transparenz – das sind die Anforderungen an Systeme, die Menschen gratis zur Mitarbeit einladen. „Mitreden“ auf zwei Ebenen: Einerseits über das, was konkret getan wird: „Warum machen wir das nicht so …?“ Andererseits über den größeren Rahmen: Der Ton in der Organisation, der Auftritt in der Öffentlichkeit etc. Wie hieß es einmal – damals mit Bezug auf „Gastarbeiter_innen“ : „Wir haben Arbeitskräfte gerufen und es sind Menschen gekommen!“

4. Dummheit: „Selbstverantwortung im Privaten, aber bitte politisch nicht auffallen“
Analog zum Recht auf Mitreden in Organisationen werden wir auch unsere Gemeinwesen umkrempeln müssen. Wir gehen davon aus, dass wir nicht wollen, dass Menschen nur satte und beruhigte Konsument_innen von staatlichen und privaten Dienstleistungen sind, weil sich das halt „leider“ nicht ausgeht. Wenn Menschen also für ihr Umfeld mehr und mehr Verantwortung übernehmen, werden sie schnell draufkommen, dass so manches Problem seine Ursache in Politik und Verwaltung hat. Damit werden diese Menschen, die die Obrigkeitsangst verloren haben, ihren Mund aufmachen und bei Politik und Verwaltung lästig werden. Träumen wir nicht alle von einer Politik, die diese Bürger_innen ernst nimmt und auf ihre Argumente und Bedürfnisse eingeht? Sehnen wir uns nicht nach einer Politik, die darüber hinaus sich bei diesen Menschen bedankt und sie ermutigt, weiterhin über ihren Tellerrand hinaus zu schauen und sich Gehör zu verschaffen - auch wenn das unbequem ist?

5. Dummheit: „Wir definieren, was Ehrenamtlichkeit bedeutet!“
Rotes Kreuz, Feuerwehr, Blasmusik … ehrenamtlich! Vinzi-Bus, Alpenverein, Kegel-Club … auch. Aber was ist mit unbezahlten Gemeinderät_innen in kleinen Gemeinden, mit Bürgerinitiativen, mit verantwortungsvollen Vorstandsfunktionen in Lebenshilfe und Co? Natürlich ehrenamtlich im besten Sinne! Nachbarschaftshilfe? Wer sagt, dass Ehrenamtlichkeit organisiert sein muss? Wikipedia, Unterstützung in Online-Foren … ah ja!
Natürlich benötigen wir Begriffe wie „Ehrenamt“ – sie dürfen uns nur nicht Scheuklappen aufsetzen in unserem Denken! Letztlich zählt nicht, ob es in die Kategorie von „Ehrenamtlichkeit“ passt, sondern ob Menschen näher zu Sinn, Zugehörigkeit, Lebensqualität, Anerkennung und Wirksamkeit kommen!

6. Dummheit: „Ich bin der gute Helfer, du bist das arme Opfer“
Menschen haben alle die gleichen Rechte – Menschenrechte – und so viel Verantwortung, so viel in ihrer Macht steht. Wer also durch mehr Geld, Zeit, Kompetenzen und Beziehungen über mehr Möglichkeiten verfügt, hat umso mehr die Verpflichtung, für sich selbst und andere Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig verbietet die Achtung der Würde des Menschen, hilfsbedürfte Personen in erster Linie über ihre Bedürftigkeit zu definieren.
Von einem Denken, das die Menschen in Helfer_innen und Bedürftige teilt, müssen wir zu einem Denken kommen, in dem jeder Mensch in manchen Bereichen bedürftig ist und „nimmt“ und in anderen Bereichen „gibt“ und damit seiner Verantwortung gerecht wird.

Und natürlich:
7. Dummheit: „Wir wissen eh, was gut ist! Lasst uns doch einfach ein paar Orden verteilen und feiern!“

Bernhard Possert
Organisationsberater, Geschäftsführer der „Zukunftsplattform Steirische Vereine“, http://www.vereine.st; .
wird vorauss. erscheinen in “Armendienst”, Zeitschrift der Vinzenzgemeinschaft Eggenberg - Graz

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